Der Wichtel und das Schwein der Waisen – Leseprobe


Der Wichtel und das Schwein der Waisen – Leseprobe

Puck schloss rasch die Tür hinter sich und staunte. Salabims geheime Büche­rei hatte er noch nie zuvor betreten. Für ihn war sie immer genauso verboten gewesen wie der Zaubergarten oder die Alchimistenküche. Der Raum war bestimmt fünfzig Fuß lang, vielleicht halb so breit und bis zur Decke angefüllt mit Büchern.

Textprobe aus einem bunten Genremix, der die Fantasie auf den Kopf stellt. Entnommen aus dem Buch Der Wichtel und das Schwein der Waisen (Hg.) Holger Gerken.
 
„Wie kann das sein?“, fragte Puck und starrte ungläubig auf die langen Regalrei­hen. „Dein Häuschen ist ganz winzig, da gibt es doch gar keinen Platz für so ein großes Zimmer.“

Salabim lächelte. „Du vergisst, dass ich Zauberer bin. Da ist Raum in der kleinsten Hütte. Und für meine Bibliothek schaffe ich mir den notwendigen Platz.“

Salabim huschte durch die Gänge, nahm hier und dort einen dicken Wälzer aus dem Bord, setzte sich in eine Ecke und begann, einen nach dem anderen durch­zu­blät­tern. Puck beobachtete, wie der Zauberer immer wieder den Kopf schüttelte, leise fluchte und zum nächsten Buch griff. Endlich hatte er etwas gefunden, las weiter und rief schließlich: „Heureka, das ist es!“

„Weißt du jetzt, wie wir die Goldene Waldsau zurückbekommen? Dann zaubere sie wieder her, und alles wird gut.“

„So einfach ist es nicht, Puck. Aber hör mal, was hier steht.“

Salabim hob den dicken, in Schweinsleder gebundenen Folianten auf und pustete den Staub aus seinem Einband. Er suchte mit dem Finger die Stelle auf dem vergilbten Pergament.

 

„Wenn je die Waldsau wird gestohlen,

So müsst ihr sie euch wiederholen,

denn sie ist es, die euch bewahrt,

vor einem Schicksal, das sehr hart,

und das vor allem allen Waisen

auf der Lichtung wird beweisen,

dass ohne Schutz und ohn’ Geleit

es gibt fortan mehr keine Zeit

ohne Sorge, Leid und Not:

Nur Verbrechen, Krankheit, Tod.

Wenn ihr dieses wollt vermeiden,

so müsst ihr euch bald entscheiden

und aus euren eig‘nen Reihen

jemanden zum Helden weihen,

der auf einer langen Reise

(am besten eignet sich ein Waise)

die Waldsau dann aus eigner Kraft

schließlich wieder herbeschafft.

Doch wo gibt es solche Helden?

Er wird sich nicht selber melden,

und vorstellen könnt ihr‘s euch nicht:

es ist ein kleiner, feiner Wicht

von geringem Stand

den ein Zauberer einst im Walde fand.

Doch ganz allein kann er’s nicht lösen,

die Kämpfe gegen all die Bösen.

Es braucht zur Kraft auch den Verstand,

drum gebt ihm Hilfe an die Hand,

die ihn leitet und ihn führt,

damit er nicht die Spur verliert,

jemand, der ihn unterstützt

und ihm durch sein Wissen nützt.

Das Wissen auch von der Magie,

das hilft sehr oft und schadet nie.

Doch baut ihr nur auf schwarze Kunst,

so ist die Mühe dann umsunst.

Das Schwein verliert die Zauberkraft,

wenn ihr es nicht alleine schafft

(mit Hilfe nur von Hexendingen)

das gold’ne Tier zurückzubringen.

Denn nur das Band aus Herz und Geist,

auf’s Innigste zusamm’geschweißt,

das ist es, was es möglich macht,

dass die Waldsau wird zurückgebracht.“

 
Der Zauberer hob seinen Kopf und sah Puck an. „Na, was sagst du?“

Puck bohrte mit dem Finger in der Nase. „Ich hab’ nichts verstanden. Kannst du die Waldsau denn jetzt wieder herzaubern?“

Salabim verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wanderte auf und ab. „Wir müssen jemanden aussenden, der nach Gotholmort, ins Land der Trolle, geht und das Schwein der Waisen zu­rückholt.“

„Ui, wer soll das denn machen? Du hast gesagt, dass die Trolle groß und gemein sind.“

„Die Prophezeiung spricht von einem Wicht, der die Waldsau zurück­holen kann. Am besten einer, der keine Eltern mehr hat und den ein Zau­be­rer im Wald gefunden hat.“

Puck schaute zu Salabim auf. „Das wäre ja so einer wie ich.“ Er überlegte. „Aber so einen gibt es ja nicht. Da bin ich ja der Einzige hier.“

Salabim nickte. „Ich glaube, du musst dich auf die Reise machen und die Goldene Waldsau aus dem Land der Trolle zurückholen.“

„Was? Ich? Nein! Das kommt gar nicht in die Tüte.“

 

W.H.

Bin federführend, das Projekt Buchwurm ist eine ganz persönliche Herzensangelegenheit. Schreiben bedeutet für mich, sich auf Perspektiven einzulassen, Sichtweisen anderen gegenüberzustellen oder miteinander neu zu verfassen. Schreiben bedeutet aber auch, Verflechtungen von Gedanken in der Welt von heute neu zu ordnen.

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Wolfgang Hoi: Blogger, Zeilenmacher und Geschichtendenker.

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