Graz − Porträt einer Stadt Leseprobe


Graz − Porträt einer Stadt Leseprobe

Auszug aus dem Buch über die Murmetropole Graz, liebevoll gesammelt in einzelnen Geschichten von Persönlichkeiten aus der Stadt. Entnommen aus dem Buch Graz – Portrait einer Stadt (Hg.) Anita Arneitz und Natalie Resch.

Man nehme …

Katharina Prato kochte alle ein

 

6_Prato_1a_PersonFoto: Matthias Eichinger

 

Die Grazer lassen sich gerne in ihre Kochtöpfe schauen. Bereits 1686 erschien hier das erste gedruckte Kochbuch Österreichs mit dem Titel „Ein Grätzer Koch-Artzney Buch“. Ein paar Jahrhunderte später tauschte Katharina Prato den Rührbesen gegen den Bleistift und veröffentlichte ihre Rezeptsammlung. Ihr Buch „Süddeutsche Küche“ schlug ein wie eine Granate. Von 1858 bis 1938 verkaufte sie in 79. Auflagen fast eine halbe Million Bücher. Alle waren verrückt nach Pratos praktischen Anweisungen. Damit wurde es eines der erfolgreichsten Kochbücher im deutschsprachigen Raum, übersetzt in 16 Sprachen. Und noch heute inspirieren ihre Rezepte die Köche der Stadt, die sich seit 2008 auch Genuss-Hauptstadt nennt. Doch wer war die Frau hinter der Kulinarik?

Als Tochter eines Grazer Privatiers lernte die 1818 geborene Katharina Polt Hauswirtschaft, Französisch und Klavierspielen. Spät, erst mit 39 Jahren heiratete sie den Offizier und Historiker Eduard Pratobevera, der unter schweren Magenproblemen litt. Für ihn kreierte sie neue Speisen und schrieb diese auf. Keine leichte Aufgabe. In ihrem Buch schreibt sie: „Die Zusammenstellung der täglichen Mahlzeiten ist eine wichtige und schwierige Aufgabe und verlangt selbst von der geübten, erfahrenen Hausfrau Nachdenken und Überlegung.“ In Anlehnung an den Namen ihres Mannes veröffentlichte Katharina die Rezepte später unter dem Pseudonym „Prato“. Nach dem ersten Ehejahr verstarb Eduard. Vier Jahre später heiratete sie den Jugendfreund ihres Mannes, der den Titel „Edler von“ führen durfte. Gemeinsam gingen sie auf Reisen.

In Gasthäuser und im Bekanntenkreis erweiterte stetig ihre Rezeptsammlung, bis ihr Buch über 1040 Seiten umfasste – von einfacher Hausmannskost bis hin zum festlichen Mahl. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm sie böhmische, englische, französische, italienische, serbische und ungarische Nationalspeisen auf. Die Rezepte sollten vor allem den Anfängerinnen, die sich keine eigene Köchin leisten konnten, das Leben erleichtern. Die beliebte Anweisung „man nehme…“ soll von ihr stammen. Neben ihrem Longseller verfasste Prato Haushaltsratgeber für die bürgerliche Familie gründete eine Mädchenarbeitsschule, mehrere Kindergärten und engagierte sich in der „Volksküche“ und dem „Frauenheim“. Sie prägte auf vielfältige Weise die Grazer Gesellschaft – selbst nach ihrem Tod im September 1897.

Pratos Erfolgskochbuch ist heute nur noch teuer im Antiquariat erhältlich. Wer schnell einen Blick ins historische Werk werfen möchte, wird in der Landesbibliothek Land Steiermark fündig oder schmökert einfach online in der „Grazer Kochbuchplattform“ der Universitätsbibliothek Graz. Experimentierfreudige melden sich beim „Verein KuliMa Kulinarisches Mittelalter“ an der Karl-Franzens-Universität zum Workshop zur historischen Kulinarik an. Dort heißt es nach alter Tradition: Man nehme…

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W.H.

Bin federführend, das Projekt Buchwurm ist eine ganz persönliche Herzensangelegenheit. Schreiben bedeutet für mich, sich auf Perspektiven einzulassen, Sichtweisen anderen gegenüberzustellen oder miteinander neu zu verfassen. Schreiben bedeutet aber auch, Verflechtungen von Gedanken in der Welt von heute neu zu ordnen.

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Wolfgang Hoi: Blogger, Zeilenmacher und Geschichtendenker.

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